Wider Wasserknappheit und Hitze: Die Stadt muss zum Schwamm werden
Die Hitzerekorde dieses Sommers gehen Hand in Hand mit der Wasserknappheit. Unter deren Folgen leidet inzwischen jeder dritte Mensch in Europa. Entsprechend dringend braucht es Lösungen. Die so genannte Schwammstadt erweist sich hier als vielversprechendes Konzept: Cinzia Kaufmann und Holger Frey zeigen auf, warum Wassertechnologie und Wasserschutz für an Nachhaltigkeit interessierte Anlegerinnen und Anleger spannend sein können.
Autoren: Holger Frey, Lead-Portfoliomanager, und Cinzia Kaufmann, Lead Analyst
Die wichtigsten Merkpunkte zur Schwammstadt als Lösung gegen Hitze und Wasserknappheit:
- Hitze und Trockenheit wirken sich bereits massiv auf den Wasserhaushalt aus: Allein in Europa spüren rund 30% der Menschen die Folgen der Wasserknappheit.
- Urbane Gebiete sind gegenüber Extremwetter-Ereignissen wie Hitze und Starkregen besonders exponiert. Das Konzept der Schwammstadt, das Elemente aus Wassermanagement und -technologie vereint, kann hierzu spannende Lösungsansätze liefern.
- Dies bestätigt uns in unserer Hypothese, dass nachhaltige, langfristige Anlagen in Lösungen gegen die Wasserknappheit ein überdurchschnittliches Renditewachstum bieten können.
Der Sommer 2026 sorgt nicht nur bei der Hitze für Rekorde – sondern auch bei der Wasserknappheit. Als Folge der europaweiten Hitzewellen und des ausbleibenden Regens sind die Pegel selbst von grossen Strömen wie Rhein oder Donau auf Tiefststände gesunken. Gleiches gilt für das Grundwasser, sogar in als wasserreich geltenden Ländern wie Deutschland oder dem «Wasserschloss» Schweiz. Laut der Europäischen Umweltagentur (EEA) spüren inzwischen 30% der Menschen in Europa die Folgen der Wasserknappheit.
Urbane Gebiete bei Wasserknappheit und Extremwetter besonders exponiert
Das rührt auch daher, dass auf dem Kontinent die meisten Menschen in Städten leben – und urbane Gebiete von Extremwetter-Situationen besonders betroffen sind. Einerseits verwandeln sie sich mit ihren dicht bebauten Flächen und dunklen Asphaltbelägen während der Sommermonate in «Hitzeinseln»; in der Schweiz beispielsweise kann der Temperaturunterschied von Stadt zu Land in Hitzeperioden bis zu 6 ˚C betragen, wie der Bund vorrechnete.
Anderseits erweisen sich Städte gegenüber dem zunehmenden Phänomens von Starkregen als verwundbar. So kann wegen der oftmals versiegelten Böden das Regenwasser nur unzureichend versickern, und überalterte Kanalisationsnetze sind schnell von Wassermassen überlastet. Mögliche Folgen sind verheerende Überschwemmungen, beschädigte Infrastruktur und grosse Mengen verunreinigtes Wasser.
Kampf gegen Hitze und Wasserknappheit – ein struktureller Wachstumstreiber
Entsprechend rücken ein verbessertes Wassermanagement sowie Massnahmen gegen Extremwetter-Ereignisse auf die Agenda von Städten, Staaten und supranationalen Organisationen wie der EU. Letztere hat mit der im Jahr 2025 revidierten Richtlinie zur Behandlung von kommunalem Abwasser nun auch die Folgen von Extremwetter in Angriff genommen.
Solchen Massnahmen können unserer Meinung nach aus nachhaltiger Anlageperspektive interessant sein. Denn sie schaffen die Voraussetzungen, um der Herausforderung Extremwetter mit Investitionen zu begegnen. Das wiederum birgt das Potenzial für langfristiges und überdurchschnittliches Wachstum – und davon profitieren Unternehmen, die mit ihren Produkten und Dienstleistungen Lösungen für einen resilienteren Städtebau und zeitgemässe Wasserinfrastruktur vorantreiben.
Am Anfang der Lösungen gegen Wasserknappheit steht der digitale Zwilling
Das beginnt bei der Planung, wo zunehmend technologische Lösungen wie so genannte Digital Twins (digitale Zwillinge) Eingang in die Infrastrukturplanung gewinnen. Mit ihrer Hilfe können Überschwemmungsszenarien simuliert, Hitzeinseln und Kühleffekte berechnet und gezielte Bewässerung geplant werden. Diese virtuelle Modellierung birgt nicht zuletzt Kostenvorteile: Planungsfehler und teure nachträgliche Baukorrekturen lassen sich so vermeiden.
Die virtuelle Planung schafft auch die Basis für zukunftsweisende Lösungen an der Schnittstelle von Hitze- und Wassermanagement: Als besonders spannend erachten wir hier das Konzept der so genannten Schwammstadt.
Schwammstadt vom Reissbrett weg: Leipzig 416
Wo einst Züge fuhren, plant die deutsche Stadt Leipzig die Transformation zum Klima-resilienten Städtebau. Mit «Leipzig 416» soll auf einem ehemaligen Bahnhofgelände und nahe dem Stadtzentrum auf 25 Hektaren ein ganzes Quartier mit 2'100 Wohnungen entstehen. Dieses vereint praktisch alle Bausteine der Schwammstadt: Regen wird in Mulden und Rigolen aufgefangen und zur Bewässerung von Bäumen und Grünflächen nutzbar gemacht. Kiesgefüllte Gräben leiten überschüssigen Niederschlag in unterirdische Auffangbecken. Das soll auch helfen, das städtische Abwassernetz zu entlasten – und damit den Risiken von Starkregen vorzubeugen.
Gemeint sind Baumassnahmen, die Niederschläge ähnlich einem Schwamm speichern und das Wasser in Phasen von Hitze und Wasserknappheit wieder effizient zur Verfügung stellen. So dient das gespeicherte Nass zur Bewässerung von Bäumen und Grünflächen und speist Teiche wie Wasserbecken – alles Elemente, die nachweislich zur Kühlung der Umgebung beitragen sowie generell für ein feuchteres Mikroklima sorgen. Das deutsche Architekturmagazin Baunetz.de beispielsweise führt folgende «Bausteine» einer Schwammstadt auf und zeigt ihr Zusammenspiel auf anschauliche Weise:
- Permeable Oberflächen: Mulden und Retentionsflächen mit poröser Oberfläche fördern die Versickerung und führen Niederschläge wieder dem Grundwasser zu.
- Wind- und Mikroklima-Optimierung: Strassenräume werden so gestaltet, dass Frischluft-Ströme nicht blockiert und Verdunstungskälte von Parks und Wasserflächen in die Quartiere transportiert werden. Dazu werden digitale Simulationen und Designrichtlinien entwickelt und fortlaufend optimiert.
- Grüne und blaue Infrastruktur: Grünflächen sowie begrünte Dächer und Fassaden fangen ebenfalls Niederschläge auf, um diese durch Verdunstung schrittweise wieder herzugeben. Damit können sie zur Kühlung beitragen. Teiche, Brunnen und Becken speichern Wasser und verfügen dank ihrer grossen Oberfläche über eine hohe Verdunstungsrate. Dank dieser Eigenschaften können sie das Mikroklima positiv beeinflussen und notfalls auch Starkregen auffangen.
- Regenwassernutzung: Regenwasser kann für die gezielte Bewässerung zurückgehalten werden. Dies beispielsweise über so genannte Baumrigolen, künstliche Becken unterhalb der Wurzel von Bäumen. Das dort gesammelte Wasser kann bei Trockenheit zur Bewässerung eingesetzt werden.
Solche Elemente sind in Städten immer häufiger anzutreffen. Diverse Gemeinden, zumal in Deutschland (siehe Kasten oben), haben Versuche mit der Schwammstadt gestartet und teils ganze Quartiere nach deren Kriterien geplant. Sinnigerweise gilt jedoch ein Schwellenland als Wiege des Konzepts: China zählt schon über 70 Schwammstädte. Bis im Jahr 2030 sollen laut der Weltbank sogar 80% der chinesischen Städte in der Lage sein, 70% ihrer Niederschläge zu absorbieren.
Lösungen gegen Hitze und Wasserknappheit: Zulieferer der Schwammstadt im Fokus
Mit Blick auf diese Bausteine zu einer besseren Resilienz gegenüber Hitze und Wasserknappheit erscheinen uns die Produkte und Dienstleistungen folgender Unternehmen als beispielhaft:
- Sweco: Zu den Angeboten des schwedischen Beratungsunternehmens gehören Digital Twins. Diese bilden virtuell Dächer, Fassaden, Strassen und Grünflächen präzise ab und verknüpfen Geo-, Klima- und Gebäudedaten. Auf dieser Basis entstehen hochauflösende Wärmekarten (Raster von bis zu 1×1 Meter), welche die Oberflächentemperatur in klar abgestuften Farbklassen darstellen. Stadtplaner können so Hitzeinseln schnell identifizieren und Gegenmassnahmen wie helle Beläge, mehr Bäume oder begrünte Dächer im Modell durchspielen – datengestützt, effizient und ohne bauliche Eingriffe im physischen Raum.
- Sika: Das Flachdachsystem «Blue Roof» der Schweizer Bluechip-Unternehmens ist darauf ausgelegt, Niederschläge aufzufangen und zurückzuhalten – eine Kernfunktion der Schwammstadt. Das gespeicherte Regenwasser wird danach kontrolliert abgeleitet. Dies dank einer Kombination wasserdichter Membrane und Durchflussregler. Dieses System soll helfen, Überschwemmungen zu verhindern und städtische Entwässerungsnetze zu entlasten.
- Genuit Group: Die Wassermanagement-Division des britischen Bauzulieferers konzentriert sich auf die Modernisierung der Abwasserinfrastruktur im Hinblick auf den Klimawandel. Die Hochwasserableitungs-Systeme von Genuit können dazu beitragen, die Auswirkungen von Starkregen in städtischen Gebieten zu mindern.
Unser Fazit:
Die Schwammstadt, welche die Investmentbereiche Wasserschutz und Wassertechnologie vereint, zeigt Ansätze für ein zeitgemässes Wassermanagement für Mensch und Umwelt und stösst auf eine explizite industrielle Nachfrage. Der Durst nach Dienstleistungen und Produkten aus diesen Bereichen kann dann auch als Treiber für das Wachstumspotenzial des gesamten Wassersektors wirken: Dieser verzeichnet ein jährliches Wachstum von 4 bis 6% – deutlich mehr als die Wachstumserwartungen für das globale BIP von 2 bis 3%. Dies bestätigt uns in unserer Hypothese, dass nachhaltige, langfristige Anlagen in das Thema Wasser ein überdurchschnittliches Renditewachstum bieten können.
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