Von der Schwierigkeit, exponentielles Wachstum richtig einzuschätzen

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Von der Schwierigkeit, exponentielles Wachstum richtig einzuschätzen
Von Roger Rüegg publiziert am 24. März 2020 in der Kategorie Behavioural Finance
Unser intuitives Denken lässt uns in komplexen Situationen oft im Stich. Dies zeigt sich auch aktuell bei der exponentiellen Ausbreitung des COVID-19-Virus, von der viele Menschen, aber auch Regierungen, quasi überrumpelt wurden. Ähnliche Fehler gilt es auch beim Investieren zu vermeiden.

Zwei Systeme zum Denken

Gemäss dem Psychologen und Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman und seinem Kollegen Amos Tversky wird das menschliche Denken durch zwei sehr unterschiedliche Systeme geprägt. System 1 ist das schnelle, automatische und intuitive Denken. Es beruht auf der menschlichen Intuition und erfolgt ohne willentliche Steuerung. System 2 hingegen entspricht dem langsamen, logisch und berechnenden Denken und erfordert Aufmerksamkeit.

System 1 führt zu Fehleinschätzungen

In Zeiten wie beim Ausbrechen einer Pandemie werden Entscheidungen oft aufgrund von Einschätzungen des System 1 gefällt. Diese stellen sich dann leider oft als falsch heraus, und wir werden von den realen Auswirkungen quasi über Nacht überrascht. Als Beispiel liefern Kahneman/Tversky das folgende Quiz: In einem Teich gibt es eine Fläche von Seerosen, die sich jeden Tag verdoppelt. Wenn es 48 Tage dauert, um den gesamten Teich zu bedecken, wie viele Tage dauert es dann, bis die Hälfte des Teiches bedeckt ist?

Die richtige Antwort lautet 47 Tage, wohingegen die meisten Menschen das Quiz intuitiv mit 24 Tagen beantworten. Wer hätte auch gedacht, dass man ein Blatt Papier nur 42 Mal falten muss, bis man mit dem Stapel die 400'000 Kilometer von der Erde bis zum Mond erreicht? Doch bleiben wir realistisch. Papier lässt sich nur gerade einmal 7 Mal falten, und auch die Anzahl Coronafälle verdoppelt sich nicht jeden Tag. Aktuell sind wir je nach Region bei einer Verdoppelung der Fälle alle drei bis zwölf Tage (weltweit alle acht Tage).

Bestätigte Coronafälle im internationalen Vergleich

Als der Schweizer Bundesrat am Freitag, dem 13. März 2020, die Massnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus verschärfte und unter anderem die Schliessung aller Schulen anordnete, reagierten viele Bürger sehr überrascht. Tags zuvor lagen die bestätigten Coronafälle in der Schweiz noch bei unter 1'000 und schienen nur ein lineares Wachstum aufzuweisen. In Realität befand sich die Schweiz aber bereits seit längerem auf demselben exponentiellen Wachstumspfad wie Italien. Nachfolgende Grafik zeigt die bestätigten Fälle in Italien, Südkorea und der Schweiz.

Italien, Südkorea und die Schweiz im Vergleich

Aktuell befinden wir uns in der Schweiz bei 8'060 Fällen (Stand 23.03.2020), also in etwa an dem Punkt, wo Italien den Norden des Landes abriegelte. Da die Schweiz in der Grafik bereits am neunten Tag reagieren konnte, kann die Abflachung früher stattfinden. Experten rechnen jedoch mit einer Verzögerung von mindestens einer Woche nach der Reaktion, da das Virus erst nach durchschnittlich fünf Tagen zu Symptomen führt. Im Vergleich zu Italien, wo die Fälle mit über 20 Prozent zunahmen, sind wir aktuell bei einer Wachstumsrate von 15 Prozent in den letzten zwei Tagen.

Dass es möglich ist, die Wachstumsraten rasch zu reduzieren, zeigt das Beispiel Südkorea. Was ist deren Erfolgsrezept? Gemäss Experten ist die Eindämmung der Neuinfektionen auf vier entscheidende Massnahmen zurückzuführen: Breit angelegte Tests, konsequentes Social Distancing, strenge Überwachung und eine offene Informationspolitik. In Südkorea ist das Test-System durch die Erfahrung vergangener Pandemien sehr stark ausgeprägt. Aufgrund der ermutigenden Entwicklungen in Südkorea wird auch in der Schweiz und Europa der Ruf nach flächendeckenden Tests immer lauter.

Wie lange wird uns COVID-19 noch beschäftigen?

Wir haben zur Beantwortung dieser Frage mit Experten aus der Epidemiologie gesprochen. Ein wichtiger Risikofaktor ist die allgemeine Gesundheit der Bevölkerung, wie Vasileios Nittas, Forscher der Epidemiologie an der Universität Zürich, ausführt. Der Gesundheitszustand verbessert sich mit den wärmeren Temperaturen im Sommer. Zudem kann der Influenza-Virus an kalter und trockener Luft besser überleben. Deshalb ist beispielsweise die Grippe vorwiegend in den Wintermonaten aktiv. Demzufolge hofft Nittas, dass der Sommer eine Entschärfung mit sich bringen wird.

Weiter agieren Personen, welche die Viruserkrankung bereits durchgemacht haben, oft als Barriere, da sie bereits Antikörper gebildet haben. Man kann sich das Virus als Dominoeffekt vorstellen, erklärt Prof. Dr. Pål Johansen vom Universitätsspital Zürich. Sobald genügend Steine standhaft (immun) sind oder durch Social Distancing zu weit auseinander liegen, kann die Infektionskette gestoppt werden. Wo die kritische Masse an immunen Personen liegt ist jedoch nicht abschliessend geklärt. Auch ist aus China bekannt, dass nur rund 10 – 15 Prozent der infizierten Personen bestätigt werden, während ein grosser Teil der bereits immunen Personen unerkannt bleibt. Auch gab es in China bereits Menschen, die sich kurz nach der Heilung wieder angesteckt haben. 

COVID-19 wird uns sicher noch bis Ende des 2. Quartals 2020 beschäftigen. Im allerbesten Fall mutiert das Virus, wird schwächer und stirbt aus. Denn im Gegensatz zu den meisten Hollywood-Filmen, in denen ein Virus immer stärker wird, sterben Viren im realen Leben mit der Zeit aus. Dies war zum Beispiel auch bei den Coronaviren SARS und MERS der Fall. Die grosse Frage ist natürlich, wie lange es bis zum "Aussterben" des COVID-19 dauern wird.

System 2 muss beim Investieren die Oberhand behalten

Bezogen auf das Finanzmarktgeschehen ist es in den aktuell turbulenten Zeiten besonders wichtig, dass bei Anlageentscheiden das System 2, mit dem logischen und berechnenden Denken, beigezogen wird. Deshalb stellen wir bei Swisscanto Invest sicher, dass unsere Portfolioanpassungen auf fundamentalen und quantitativen Analysen basieren und in den jeweiligen Anlagekomitees mehrmals kritisch hinterfragt werden. Dies verhindert, dass Investitionsentscheide aufgrund des System 1 gefällt werden. Wir verfolgen die aktuellen Entwicklungen seit der Bekanntgabe der ersten Coronafälle in China aufmerksam und haben die Risiken in den Portfolios entsprechend reduziert. Wir bleiben insgesamt defensiv und ausgewogen positioniert.

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