Preise für Solarmodule im freien Fall – wie geht es weiter?

Hohe Überkapazitäten aus China lassen die Preise für Photovoltaik-Module in den Keller stürzen. Von der Flut aus Fernost ist insbesondere Europa betroffen. Die Förderung der heimischen Produktion soll nun eine China-Abhängigkeit verhindern. In der Zwischenzeit haben wir das Gewicht der Investments in diesem Bereich reduziert.

Text: Nils Wimmersberger und Dr. Daniel Fauser

In Europa und den USA wird die Produktion von Photovoltaik-Modulen gefördert. Damit soll eine Abhängigkeit von China reduziert werden.

Der Markt für Photovoltaik (PV) befindet sich in einem perfekten Sturm. 14 US-Dollarcents pro Wattpeak – so wenig kostete ein Standard-Solarmodul zuletzt im September 2023. Nachdem die Preise 2021 aufgrund von Rohstoff- und Liefer­engpässen kräftig angestiegen waren, stagnierten sie im vergangenen Jahr zuerst. Seit circa Anfang 2023 befinden sich die Preise im freien Fall und erreichen laufend neue Rekord­tiefs (vgl. Abbildung 1) – wohl­gemerkt für eine Art der Strom­erzeugung, die bereits seit Jahren zu den Günstigsten weltweit gehört. Die Gründe dafür sind komplex und vielfältig.

Mit dem Beginn des russischen Angriffs­kriegs auf die Ukraine im Februar 2022 und den damit einher­gehenden Auswirkungen auf die globalen Energie­märkte, erlebte die PV in Europa einen noch nie dagewesenen Nachfrage­boom. Gemäss Aussagen von Branchen­insidern verdoppelten sich die Anfragen für die Installation von Solar­anlagen binnen einer Woche. Während der Mangel an Installations­kapazitäten einen der zentralsten Eng­pässe darstellte, reagierte vor allem China mit einem massiven und raschen Ausbau der Produktions­kapazitäten. Dieser dauerte rund sechs bis neun Monate. In der Folge kam es gegen Anfang 2023 zu einer signifikanten Steigerung des Angebots an Solar­modulen. Gleichzeitig ging in Europa die Nachfrage nach PV-Modulen gegenüber dem äusserst starken Nachfrage­jahr 2022 zurück – unter anderem aufgrund der sich teilweise normalisierenden Situation an den Energie­märkten. Da auch der chinesische Markt - zumindest bisher - das höhere Angebot nicht durch eine höhere Nachfrage absorbieren konnte, entstand der Druck auf die Preise. 

Preis pro Wattpeak für Standard mono­kristalline PV-Module

Quelle: BNEF (Bloomberg New Energy Finance)

Europäischer Markt im Auge von China

Auch der US-Markt ist derzeit nicht in der Lage, die höheren Produktions­volumen aufzufangen, insbesondere seit der sogenannte Uyghur Forced Labor Prevention Act (UFLPA) am 21. Juni 2022 in Kraft getreten ist. Das Gesetz untersagt den Import von Gütern, die ganz oder teilweise in Xinjiang-China oder von einer in der UFLPA-Sperrliste aufgeführten Einrichtung hergestellt wurden. Dies führte zu einer teilweisen Verlagerung der chinesischen Solarmodul-Exporte, die für den US-Markt vorgesehen waren, nach Europa. Die Folge ist ein noch grösseres Über­angebot und mehr Druck auf die Preise. Ausserdem beabsichtigen die USA, unter anderem mit dem Inflation Reduction Act (IRA), die heimischen Produktions­kapazitäten von PV anzu­kurbeln, was sich zumindest mittelfristig ebenfalls preis­dämpfend auswirken könnte.

Verschiedene europäische und US-amerikanische Markt­teilnehmer werfen den chinesischen Herstellern ausserdem vor, sie würden mit nicht nachhaltigen Dumping­preisen unter den Herstell­kosten einen Verdrängungs­wettbewerb führen. Wirklich unabhängige Einschätzungen zu diesen Vorwürfen sind kaum zu finden. Fakt ist: Sinkende Margen entlang der Solar-Wert­schöpfungs­kette und Abschreiber auf bestehende Lager­bestände sind bereits heute zu beobachten.

Fakt ist auch, dass die tiefen Preise für Solar­module die Kosten für die Energie­wende – ganz im Interesse der (europäischen) Politik – deutlich nach unten bringen dürften. Gleich­zeitig fürchten europäische Regierungen, dass bereits heute eine zu grosse Abhängigkeit von China in der PV besteht – ähnlich wie von Russ­land im Fall von Gas. Deshalb arbeiten die europäischen Staaten derzeit an Mass­nahmen, die diese Abhängig­keiten reduzieren und die europäische PV-Industrie aus ihrem Schatten­dasein führen sollen.

Solarindustrie in Europa am Scheideweg

Die Module aus dem alten Kontinent können zwar oft mit fortschrittlicheren Technologien und höheren Wirkungs­graden auftrumpfen. Bei Produktions­kosten zwischen 20 und 30 US-Dollar-Cents pro Wattpeak geht die Rechnung aber nicht mehr auf. So musste jüngst der norwegische Modul­hersteller Norsun die Produktion bis Ende Jahr einstellen, während der Zuliefer­betrieb Norwegian Crystals die Bilanz deponieren musste. Aktuell sind gemäss Branchen­verband SolarPower Europe noch 157 Betriebe über verschiedene Wert­schöpfungs­prozesse in der PV-Produktion tätig. Damit dieses Fertigungs-Know-how auch in Zukunft erhalten bleibt, haben sich nun verschiedene Branchen­exponenten wie zum Beispiel die in Deutschland produ­zierenden Unternehmen Meyer Burger, Heckert Solar, Wattkraft Systems und Interfloat Corporation bei den verantwortlichen Politikern in Brüssel und Berlin über die vergangenen Monate lautstark Gehör verschafft.

Die Antwort kam zeitnah. So hat beispiels­weise die EU-Kommission das Ziel festgelegt, dass bis zum Jahr 2030 mindestens 40 Prozent der neu installierten Solar­technik aus europäischer Produktion stammen sollen. Im Net Zero Industry Act sind die Bedingungen festgelegt worden, unter welchen der Aufbau von Produktions­kapazitäten mit umfassenden finanziellen Mass­nahmen in den Mitglieds­staaten gefördert werden sollen. Auch auf nationaler Ebene nimmt der Förder­express langsam an Fahrt auf. In Deutschland, noch vor zehn Jahren Markt­führer in der Solar­industrie, hat beispiels­weise Bundes­wirtschafts­minister Robert Habeck ein Interessen­bekundungs­verfahren zur Finanzierung eines Leucht­turm­projekten für Photo­voltaik ausgerufen.

Meyer Burger expandiert nach Colorado

Nicht mehr zuwarten mag der Solar­modul­hersteller Meyer Burger. Das Unternehmen hat seine Expansion in Europa ausgesetzt und wird stattdessen neue Produktions­kapazitäten in den USA aufbauen. So haben sich die Stadt Colorado Springs und der Bundestaat Colorado verpflichtet, ab 2024 Meyer Burger ein Finanzpaket von USD 90 Millionen zu schnüren. Weiter stellen das Department of Energy sowie drei bedeutende Modul­abnehmer Finanzmittel in Höhe von USD 300 Millionen bereit. Schliesslich könnten dank des IRA bis 2032 Steuer­gutschriften von insgesamt USD 1,4 Milliarden fliessen. Das wären in den nächsten neun Jahren jährlich über USD 150 Millionen und würde die Kosten pro Watt um elf Cents senken. Dank dieser Unterstützungen plant das Unternehmen, in den USA rasch zu expandieren. Das neue Solar­zellen­werk in Colorado wird Solar­zellen mit einer Kapazität von zwei Gigawatt produzieren, um das Solar­modul­werk in Arizona zu versorgen. Letzteres wird die Produktion im vierten Quartal 2024 aufnehmen. Der Transfer und das Hoch­fahren der Fertigungs­anlagen sind allerdings mit gewissen Risiken verbunden. So wurden etwa Liefer­fristen von der Kund­schaft fix definiert. Bei Verzögerungen würden Straf­zahlungen fällig.

Wer die erste Runde in diesem Rennen um die Förderung der heimischen Solar­industrie gewonnen hat, ist aber klar. Während man in Europa noch immer über Mass­nahmen zur Erhaltung der heimischen PV-Industrie diskutiert, wird in den USA die Reduktion der Abhängigkeit von China nicht nur besprochen, sondern auch aktiv und beherzt forciert.

Schrittweise Reduktion der PV-Investments

Seit circa Anfang 2023 haben wir in den aktiven Aktien­gefässen des Asset Management der Zürcher Kantonalbank das Gewicht von PV insgesamt schrittweise reduziert und in vereinzelten Strategien gänzlich eliminiert. Die derzeit hohen Über­kapazitäten und sinkenden Margen sowie die politischen Unsicherheiten und Abhängig­keiten stimmen uns derzeit eher vorsichtig. Die PV bleibt für uns jedoch eine der wichtigsten Technologien zur Dekarbonisierung, die von einem starken Wachstum profitiert. Die Heraus­forderung für Investorinnen und Investoren ist daher unverändert: PV-Unternehmen zu identifizieren, die ihre Kapital­kosten langfristig verdienen.

Kategorien

Nachhaltigkeit Aktien