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Argumente hart wie Stahl – für Anlagen in die Kreis­lauf­wirtschaft

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Welches ist weltweit das am meisten recycelte Material? Die richtige Antwort lautet nicht etwa PET-Plastik oder Aluminium, sondern: Stahl. Lange ein hartes Pflaster für Anlegerinnen und Anleger, rückt der Stahlsektor zurück in den Fokus. Treiber dafür sind unter anderem die Geopolitik und der KI-Boom. Gerade Unternehmen, die auf zirkuläre Prozesse setzen, bieten spannende Chancen, betonen Cezara Lozneanu und Yohann Terry.

Autoren: Cezara Lozneanu und Yohann Terry

Stahlproduktion: EAF-Verfahren reduziert Emissionen und setzt auf Recycling
Bei der Stahlproduktion sind nachhaltigere Verfahren auf dem Vormarsch: Elektrolichtbogen-Öfen (EAF) verursachen deutlich weniger Emissionen und arbeiten teils zu 100% mit Eisenschrott (istockphoto.com).

Drei Merk­punkte zu Stahl als Beispiel für die neuen Trei­ber der Kreis­lauf­wirtschaft

  1. Angesichts geopolitischer Turbulenzen begreifen Staaten den Stahl zunehmend als strategisch wichtig für die eigene wirtschaftliche Unabhängigkeit.
  2. Protektionistische Massnahmen wie Importzölle treffen dabei auf eine steigende regionale Nachfrage. Die Kombination sorgt unseres Erachtens für eine strukturelle Unterstützung der Stahlindustrie, insbesondere in den USA und der EU.
  3. In der als schmutzig geltenden Stahl­produktion sind emis­sionsärmere Prozesse wie das EAF-Verfahren auf dem Vormarsch. EAF-Öfen arbeiten zudem mit bis zu 100% Schrott – in den Bereichen EAF-Produktion und Metallrecycling finden wir Investments, die unserer Meinung nach beispiel­haft für die Chancen der Kreislauf­wirtschaft stehen.

Wenn Kanada den USA in Worten den Krieg erklärt, haben die geopolitischen Turbulenzen zweifellos eine neue Intensität erreicht. Aufgrund der gemeinsamen Grenze in vielerlei Hinsicht eng verbunden, decken sich die beiden Staaten seit Kurzem mit Drohungen ein – und mit Zöllen und Gegenzöllen.

Zielscheibe der Streitigkeiten ist auch ein Gut, das für beide Volkswirtschaften eminente Bedeutung hat: Stahllieferungen sind in beide Richtungen mit Import­abgaben von 50% belegt worden, wie unter anderem der amerikanische TV-Sender CNN berichtete.

Handelsstreit und kletternde Nachfrage bringen Bewegung in den lange stagnierenden Stahlsektor

Streit um Stahl: die Animositäten zwischen den beiden nordamerikanischen Nachbarn stehen beispielhaft für die veränderte Dynamik, die den Stahlsektor erfasst hat. Nach Jahren lauer Nachfrage, intensiver Konkurrenz aus China und hohen Kapitalkosten erlebt die Branche nun eine Zersplitterung in regionale Märkte mit jeweils eigener Nachfragedynamik. Angetrieben von Protektionismus, dem unaufhaltsamen Trend hin zur Energiewende und dem Bauboom bei KI-Rechen­zentren und Infrastruktur klettern die Stahlpreise. Das unterstützt die Margen der Produzenten, gerade auch in den USA und Europa.

Stahl: weg vom Schwerindustrie-Image und hin zu zirkulären Prozessen

Gerade auch Anlegerinnen und Anleger, die an Nachhaltigkeit interessiert sind, tun unserer Meinung nach gut daran, genau hinzusehen. Denn auch in diesem klassischen Bereich der Schwerindustrie haben emissionsärmere Produktions-Prozesse Einzug erhalten (siehe Box unten). Mehr noch: Gemäss der Branchenvereinigung Responsible Steel ist Stahl ist mit der Verarbeitung von jährlich im Schnitt 630 Mio. Tonnen (Megatonnen, Mt) Schrott und einer Wiederverwertungsrate von etwa 85% das am meisten rezyklierte Material überhaupt. Stahlwerke sind per se Recycling­anlagen, oftmals wird ihnen ausschliesslich Alteisen zugeführt.

EAF-Stahlgewinnung: Weniger Emissionen, wertvoller Staub

Die Stahlproduktion ist als Dreckschleuder verrufen. Doch auch hier sind emissionsärmere Prozesse auf dem Vormarsch. So bestritten Elektrolichtbogen-Öfen (EAF-Verfahren) Ende 2024 bereits einen Anteil von 30,3% an der weltweiten Produktion. Gemäss Worldsteel, dem Welt-Branchenverband der Stahlindustrie, waren dies 4 Prozentpunkte mehr als 2024. Die Öfen von EAF-Werken werden zudem mit bis zu 100% Schrott befüllt und schmelzen diesen mithilfe von Strom. Dies gegenüber dem vorherrschenden Hochofen-Konverter-Verfahren (BF-BOF), das Eisenerz unter Verwendung von Koks und Kalk in Rohstahl verwandelt und 2025 noch einen Anteil von 69,4% an der weltweiten Produktion erreichte. Es kann jedoch nur begrenzt Stahlschrott eingesetzt werden – bis zu 20% der Metallmenge –, was den Nutzen für die Kreislaufwirtschaft einschränkt.

Das EAF-Verfahren ist saubererer, mit Emissionen von ungefähr 0,67 Tonnen CO₂ pro Tonne produziertem Stahl, gegenüber rund 2,3 Tonnen CO₂ pro Tonne von BF-BOF. Und es ist laut Worldsteel auch günstiger, da dank dem Fokus auf Schrott im Schnitt rund 1,4 Tonne Eisenerz pro Tonne Rohstahl gespart werden können. Das EAF-Verfahren reagiert jedoch empfindlicher auf veränderte Schrott- und Stromkosten. Europa und die USA sind führend bei der EAF-Verbreitung – in der EU ist im Zuge des «Green Deal» geplant, den Anteil von etwa 45% im Jahr 2023 auf etwa 57% bis 2030 steigen, wie unter anderem die Branchenvereinigung South East Asia Iron & Steel Institute (SEAISI) bemerkte. China, das nach wie vor mehr als 50% der weltweiten Stahlproduktion bestreitet, setzt weiterhin zu etwa 90% auf BF-BOF-Verfahren.

Bei der EAF-Stahlherstellung entsteht zudem zinkhaltiger Staub, wodurch eine Nische für das Sekundär-Recycling entsteht, die direkt an die EAF-Auslastungsraten und nicht an die Schrottpreise selbst gekoppelt ist. Zink zählt wie Stahl selber zu den kritischen Rohstoffen und ist ein Grundbaustein für saubere Energien und die Dekarbonisierung.

Damit steht Stahl exemplarisch für das nachhaltige Konzept der Kreislaufwirtschaft, die nach dem Prinzip der vier R «Reduce, Recycle, Reuse, Replace» das Wirtschafts­wachstum vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln sucht. Diesem Paradigmenwechsel wird je nach Quelle ein langfristiges Wachstumspotenzial von bis zu USD 4,5 Billionen zugesprochen. Ebenso steht die «Circular Economy» im Ruf, gleich mehrere UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG) zu unterstützen.

Stahl steht beispielhaft für die strategische Bedeutung der Kreislaufwirtschaft

Angesichts von Zoll- und Handelsstreitigkeiten, dem Tauziehen um kritische Rohstoffe und der Tendenz zur Deglobalisierung kommt zirkulären Prozessen zudem eine neue, nicht minder wichtige Rolle zu: Indem sie wichtige Ressourcen im System hält, kann die Kreislaufwirtschaft wesentlich zur Versorgungssicherheit und zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit von Staaten beitragen. Wir rechnen auch deshalb mit überdurchschnittlichem Wachstum bei zirkulären Geschäftsmodellen.

Kaum ein Wirtschaftsbereich illustriert dieses «neue Narrativ» der Kreislaufwirtschaft so anschaulich wie das derzeitige Comeback der Stahlproduktion in den USA und in Europa: Während China derzeit seine Produktion rationalisiert, suchen beide Regionen heimische Produktionszentren und Arbeitsplätze durch Handelsbarrieren und Strafzölle zu schützen. Weil dieser politisch gewollte Unterbruch der globalen Lieferketten die regionalen Stahlpreise antreibt, wird der Bau von Kapazitäten zur Stahlgewinnung vor Ort begünstigt – was im Fall des EAF-Verfahrens dann auch dem nachhaltigen Ziel der Dekarbonisierung zugutekommt. Im Folgenden gehen wir spezifisch auf diese regionale Entwicklung ein:

USA: Zölle und Schrott als Treiber für nachhaltigere Stahlgewinnung und Kreislaufwirtschaft

  • Zölle als Treiber für Recycling: Die von der Regierung des US-Präsidenten Donald Trump verhängten Strafzölle – derzeit gestützt auf Abschnitt 232 des US-Handelsgesetzes – belegen ausländische Stahlimporte mit Abgaben von 25 bis 50%. Die Massnahmen schützen einheimische Produzenten vor Konkurrenz, dies gilt gerade auch für EAF-Stahlwerke. Aufgrund der politischen Ausgangslage erwarten wir zumindest für die nächsten zwei Jahre keine Veränderungen, was das Wachstum von US-Elektrolicht­bogenofen-Herstellern für das EAF-Verfahren wie Steel Dynamics (siehe weiter unten) stützen könnte.
  • Massiver Ausbau von EAF-Kapazitäten: In den USA bauen Produzenten wie Nucor, Commercial Metals Company (CMC), Steel Dynamics und US Steel derzeit an neuen EAF-Kapazitäten für über 17 Mt. Weil EAF-Werke mit bis zu 100% Eisenschrott arbeiten, wirkt dies als struktureller Treiber für das Recycling von Altmetall: Wir rechnen damit, dass die Schrott­recycling-Kapazitäten in den USA noch deutlich ausgebaut werden, um eine regelrechte Schrottknappheit zu verhindern.
  • Positiver Nachfragetrend stützt Preise: Die aufgestaute Nachfrage aufgrund der vom Staat angestossenen Wachstums- und Infrastruktur-Initiativen dürfte weiterhin für steigende Stahlpreise sorgen – zusätzliche Nachfrage kommt vom Bau (ohne Wohnungen) und vom KI-Boom, wo der Bau von neuen Rechen­zentren Unmengen von Stahl verschlingt. Der Spread zwischen Eisenschrott als Input-Material und gewalztem Stahl (HRC) dürfte hoch bleiben, was für strukturell höhere Margen für die Stahlproduzenten spricht (siehe Grafik unten).

Handelszölle und insgesamt zunehmende Nachfrage führen zu steigenden Margen im Stahlsektor in den USA (Preisdifferenz zwischen Schrott und fertigem HRC-Stahl aus EAF-Werken in den USA, in USD auf 100-%-Basis)

Quellen: CRU, AISI, Unternehmensdaten

Europa: EU erhöht Handelshemmnisse und Preise für Emissionen – hat aber ein Handicap

  • Neue Zölle und Kontingente seit Sommer in Kraft: Auch die EU ist dazu übergegangen, die heimische Stahlproduktion durch Handelshemmnisse abzuschirmen. So trat auf Unionsgebiet per 1. Juli 2026 die Verordnung 2026/1384 in Kraft: Das zollfreie Kontingent für Importe auf Fertigstahl wurde auf jährlich 18,3 Mt gesenkt, das sind 47% weniger als noch im Jahr 2024. Der Zollsatz ausserhalb des Kontingents wurde zusätzlich auf 50% verdoppelt. Die EU-Kommission hat zudem erwogen, auch die Ausfuhr von Stahlschrott zu beschränken, um diesen strategisch immer wichtiger werdenden Rohstoff innerhalb der EU zu halten.
  • Abgaben auf importierte Emissionen: Der CO₂-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) ist seit Anfang 2026 gültig und erhebt einen CO₂-Preis auf bestimmte importierte Waren aus Nicht-EU-Ländern. In der Praxis belastet der CBAM Stahlimporte mit zusätzlichen Kosten und begünstigt damit insbesondere die einheimische EAF-Produktion, da diese selber weniger Emissionen verursacht.
  • Hohe Strompreise als Handicap: Im Vergleich zu den USA bleibt die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Stahlindustrie durch Strompreise, die mehr als doppelt so hoch sind wie in den USA, sowie durch die begrenzte Verfügbarkeit von hochwertigem Schrott, der für Automobil- und Elektrostahl geeignet ist, eingeschränkt – daher können Zölle allein die Wettbewerbslücke nicht schliessen, solange die Energiekosten im Vergleich zu den USA ein Handicap bleiben.

Treiber für die Kreislaufwirtschaft: Erwartete EAF-Kapazitäten in Europa (in Mt)
 

Quellen: Eurofer.eu, öffentliche Daten der Stahlhersteller in Europa

Die Verbreitung von nachhaltigeren Produktionsverfahren und Recycling sowie der Schutz der heimischen Industrie durch Zölle und Vorschriften sorgen für viel Rückenwind für Unternehmen, die sich bereits entsprechend positionieren konnten. Beispielhaft aufzeigen lässt sich in den USA wie auch in Europa an zwei Unter­nehmen, die gleichzeitig als wichtige Akteure der Kreislaufwirtschaft gelten dürfen.

Unternehmensbeispiel Befesa:

  • Beschreibung: Bedeutendes Unternehmen für das Recycling von gefährlichen Reststoffen – vor allem Zink – aus der Stahl- und Aluminiumindustrie mit Sitz in Luxemburg und Standorten weltweit. Das Unternehmen verarbeitet jährlich rund 1,9 Mt Reststoffe und produziert daraus etwa 1,7 Mt neue Materialien, was Befesa zu einer Vorzeigefirma der Kreislaufwirtschaft macht.
  • Geschäftssegmente im Fokus: Aus dem Stahlstaub-Recycling stammen laut den Jahreszahlen 2025 rund 67% des Umsatzes und 87% des Betriebsgewinns (EBITDA). Befesa recycelt gefährlichen EAF-Stahlstaub zu Wälz-Oxid, das an Zinkschmelzen verkauft wird. Die Rentabilität des Stahlstaub-Segments ist damit direkt an die Zinkpreise gekoppelt (siehe dazu auch Grafik unten). Zink gilt ebenfalls als kritischer Rohstoff und erlebt derzeit unter anderem aufgrund der Energiewende eine steigende Nachfrage.
  • Auswirkungen der Deglobalisierung: Der durch Zölle getriebene Ausbau von EAF-Anlagen in den USA und Europa ist ein direkter und struktureller Wachstumsmotor für das Volumen. Die Erträge wiederum richten sich nach der EAF-Kapazitätsauslastung und der tatsächlich verarbeiteten Stahlmenge, und nicht direkt nach Stahl- oder Schrottpreisen. Ein zweiter positiver Ertragseffekt ergibt sich aus höheren Zinkpreisen. Auch hier treiben Probleme in der Lieferkette, geopolitische Unruhen sowie Bautätigkeit in den USA den Trend.


Aktienkurs von Befesa profitierte zuletzt von höheren Zinkpreisen (Zinkpreis und Aktienkurs von Befesa, in USD)
 

Quelle: Bloomberg, per 17.8.2026; rechtliche Hinweise zur Grafik siehe unten

Unternehmensbeispiel Steel Dynamics:

  • Beschreibung: Steel Dynamics ist ein bedeutender Stahlhersteller und -verarbeiter sowie Metallrecycler (einschliesslich Stahl und Aluminium) in den USA. Das Unternehmen nutzt in der Stahlfertigung ausschliesslich EAF-Öfen. Dabei wird recycelter Eisenschrott als Hauptrohstoff eingesetzt.
  • Geschäftssegmente im Fokus: Nebst seiner führenden Position im Stahlbusiness hat Steel Dynamics massiv in das Aluminium-Recycling investiert. Das Unternehmen befindet sich in der Anlaufphase eines neuen Werks für Flachwalzprodukte aus recyceltem Aluminium mit einer Kapazität von 650'000 Tonnen; der Vorstoss zielt unter anderem auf die Märkte für Getränkedosen und die Autoindustrie. Das Aluminiumgeschäft wird zunehmend als wichtigster langfristiger Wachstumsmotor von Steel Dynamics angesehen.
  • Auswirkungen der Deglobalisierung: Die aktuellen US-Importzölle nach Absatz 232 schützen die Preise für den (inländischen) Fertigstahl von Steel Dynamics, während der eigene Metallrecycling-Zweig die EAF-Werke des Unternehmens beliefert. Durch die vertikale Integration ist das Unternehmen besser vor Schwankungen der Schrottkosten geschützt als reine Stahlwerke. Diese doppelte Absicherung verschafft Steel Dynamics aus unserer Sicht den Status eines sicheren Hafens in von geopolitischen Turbulenzen geprägten Märkten.

Rechtliche Hinweise

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